Baji Aziza :
Eine gesunde Identität – auch eine nationale oder kulturelle Identität – zeichnet sich dadurch aus, dass sie:
* ihre Geschichte kennt und reflektiert,
* eigene Werte und Traditionen pflegt,
* offen für Weiterentwicklung ist,
* Unterschiede aushalten kann,
* nicht von Abwertung anderer abhängig ist,
* Sicherheit aus sich selbst gewinnt und nicht aus Ausgrenzung.
Eine unsichere oder bedroht erlebte Identität zeigt dagegen häufiger:
* ein starkes Freund-Feind-Denken,
* die Idealisierung einer vermeintlich früheren Zeit,
* die Suche nach Schuldigen für gesellschaftliche Veränderungen,
* die Vorstellung, die eigene Identität könne durch die bloße Anwesenheit anderer verloren gehen.
Aus wissenschaftlicher Perspektive wird Identität nicht dadurch stabil, dass sie sich abschottet, sondern dadurch, dass sie Selbstvertrauen mit Offenheit verbindet. Gesellschaften können sich verändern, ohne ihre Identität vollständig zu verlieren – Identität ist dynamisch, nicht statisch.
Deshalb ist Höckes Aussage keine psychologische Diagnose, sondern eine politische Interpretation gesellschaftlicher Entwicklungen. Wissenschaftlich lässt sich nicht belegen, dass „die Deutschen“ als Kollektiv an einer „Identitätsversehrtheit“ leiden. Vielmehr handelt es sich um einen normativen Begriff, der eine bestimmte politische Sichtweise transportiert.
2026-07-05 15:29:52