Polina Burlacenko :
Es war einmal eine kleine Geschichte. Sie war lustig, aber auch ein bisschen traurig. Sie war Mut machend, aber auch ein bisschen spannend. Kurzum: Sie war so, wie eine gute Geschichte eben sein muss.
Und so kam es, dass viele Menschen sie lasen: sehr alte und sehr junge Menschen. Griesgrämige Menschen und solche, die Angst vor vielen Dingen haben. Traurige Menschen, die jemanden vermissen. Und glückliche Menschen, die das Leben genießen. Ja, sie alle liebten die kleine Geschichte. Denn sie tat den Menschen gut: Die Griesgrämigen wurden ein bisschen weniger griesgrämig. Die Angsterfüllten wurden ein bisschen weniger ängstlich. Die Traurigen fühlten sich getröstet. Ja und die Glücklichen lernten ihr Glück mit anderen zu teilen.
So führte die kleine Geschichte ein Leben wie es sich jede Geschichte wünscht.
Eines Tages jedoch wachte die kleine Geschichte auf und spürte, dass etwas anders war als sonst. Ihre Seiten waren nicht mehr so strahlend weiß, die Buchstaben waren weniger leuchtend schwarz und hier und da fehlte sogar ein ganzes Wort.
„Irgendetwas stimmt nicht“, murmelte die kleine Geschichte. Sie musste sich einen Rat einholen. Und so ging sie zu einer alten Geschichte, die schon hunderte von Jahren gelesen wurde. Wenn irgendjemand der kleinen Geschichte helfen könnte, dann sie.
Die kleine Geschichte sagte: „Meine Seiten sind nicht mehr so strahlend weiß und mir fehlen Buchstaben und Wörter. Was ist denn bloß los mit mir?“
Die alte Geschichte machte ein trauriges Gesicht, holte tief Luft und antwortete:
„Die Menschen haben aufgehört dich zu lesen. Sie vergessen dich. Und irgendwann, wenn der letzte Mensch dich vergessen hat, dann wirst du ganz verschwinden.“
2026-07-10 00:03:54