Lottchen :
Mir hat in der Mitte der 80er Jahre eine Nachbarin meiner Oma eine Begebenheit aus ihrer Jugend erzählt. Das muss so 1920 gewesen sein, da war diese Frau 16 Jahre alt. Wenn man damals von unserem Ort aus zum Arzt oder zur Apotheke musste, dann musste man eine alte Heerstraße entlang entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad bis in den nächsten Ort gehen. Dieser Weg führt noch heute durch einen dunklen Wald. Der Wald ist sehr dicht, dass es auch bei Tage ziemlich dunkel dort ist. An diesem Tag war die junge Frau erstmals ganz allein dort unterwegs auf dem Weg zur Apotheke und dann wieder zurück. Es dämmerte schon, als sie auf dem Rückweg war. Als sie in den Wald hineinging, war es dort nun schon ziemlich dunkel. Sie ging voran, wie immer und hörte plötzlich etwas. Sie sagte mir, es hörte sich nicht an, wie ein Mensch und auch nicht wie ein Tier. Solche Geräusche aus dem Unterholz hatte sie noch nie vorher gehört. Sie blieb kurz stehen und lauschte den Geräuschen, die wie sie sagte, nicht von dieser Welt waren. Und dann lief sie los, den ganzen langen Weg bergab durch diesen Wald. Sie lief wie ein gehetztes Reh in Panik und nicht nur bis an den Ortsrand, sondern auch noch durch den Ort bis nach Hause. Sie sagte mir damals dass sie solche Angst wie an dem Tag an keinem anderen Tag in ihrem Leben hatte und man bedenke, sie erlebte dann ja noch den 2. Weltkrieg mit seinen Schrecken. Dieser Tag jedoch muss so erschreckend für sie gewesen sein, dass es ihr irgendwie ein Bedürfnis war, mir davon zu erzählen. Immer, wenn ich auf diesem Waldweg bin, schaue ich mich dort genau um und horche in den Wald hinein. Diese Geschichte hat mich nie losgelassen und ich frage mich, ob die alten Erwähnungen von den Menschen aus früheren Zeiten, die von den Unterirdischen und den Überirdischen berichteten, nicht doch eine Bewandnis haben. Wer weiß, welche Wesen hier unter uns, teils im Verborgenen wandeln.
2026-08-11 21:37:20